Bedingt durch meine derzeitige (und mich mit jedem Tag mehr überzeugende und begeisternde) tierfreie Ernährung ist mir das Zutaten-Listen-Scannen von Nahrungsmitteln bereits nach nun etwas über 2 Wochen zu einer instinktiven Gewohnheit geworden. Obwohl ich mich bisher eigentlich für „relativ informiert“ hielt, erstaunt es mich mit wachsendem Ausmaß, was ich da so alles an Überraschendem oder Gruseligem auf den entsprechenden Verpackungen und bei späterer Recherche im Netz auf den entsprechenden Herstellerseiten lesen kann.
So hat sich z.B. ein Nudelsnack Geschmacksrichtung „Ente“ laut Zutatenliste und dessen Webseite als vollkommen tierfrei herausgestellt, lecker, lecker - Dr. Frankenstein und sein Labor lassen grüßen, Prost Mahlzeit. Eine Fertigsoße Typ Hollandaise jedoch ist laut Herstellerangabe noch nicht mal vegetarisch, obwohl die Zutatenliste nur folgendes hergibt:
22% Sonnenblumenöl, 5 % Eigelb, Stärke, Zucker, Jodsalz, Zitronensaft, Weißweinessig, Geschmacksverstärker Mononatriumglutamat, Verdickungsmittel Xanthan, Gewürze, Aroma, Farbstoff Paprikaextrakt.
Wo also ist das Tier versteckt, wer ist der Übeltäter? Komm' raus und kämpfe wie ein Mann!
Resultierend aus solchen Überlegungen findet bei mir nun immer häufiger das statt, was ich als „Kollateralnutzen der veganen Ernährung“ bezeichnen möchte – wenn etwas drinne ist, was ich nicht zuordnen kann, dann will ich es gar nicht haben. Basta. Ich ernähre mich also neuerdings in jeder Hinsicht „bewusster“, nicht nur hinsichtlich tierischer Produkte, sondern allgemein. Während ich die Zutatenliste einer Tomatensoße aus dem Glas studiere, überlege ich mir, das ich mir doch lieber und leckerer eine eigene Soße kochen kann. Da weiß ich zumindest was drin ist und muss nicht über Verdickungs- oder Konservierungsmittel, Farbstoffe und Geschmacksverstärker nachdenken. Und schon landen Tomaten, Zwiebeln und Soja-Cuisine im Einkaufskorb und feddisch ist die Kiste.
Prinzipiell ist es nie besonders schwer, eine tierfreie Alternative für irgendwelche Fertigprodukte zu finden, meistens kann ich noch im gleichen Regal einen entsprechenden Artikel finden. Oft fällt mir aber beim Suchen auf, das ich das jetzt gerade eigentlich gar nicht mehr möchte. Wenn ich z.B. einen Keks in der Hand halte, der Milchzucker oder Hühnereiweiß enthält, kostet es mich in den meisten Fällen nur einen Griff ins Nachbarregal und ich finde ein tierfreies Backwerk., bzw. könnte dort eins finden. Aber meistens will ich dann gar nicht mehr, sondern kaufe lieber ‚ne Banane oder einen Apfel- da weiß man watt man hat.
Und – ein weiterer Kollateralnutzen – wenn ich eh schon mal dabei bin, mir die Verpackung penibel anzuglotzen und auf Herz und Nieren zu prüfen, kann ich ja auch gleich mal glotzen, wo das Zeugs denn nun eigentlich herkommt. Geht ja visuell quasi in einem Abwasch, wenn ich eh schon mal am Gucken bin. Und auch da drängt sich Erstaunliches vor meine Netzhäute – da gibt es „Öko“-Produkte aus Chile oder Peru, die ich genauso gut aus heimischen Regionen kaufen könnte. Stattdessen klatscht irgendwer ein Bio-Siegel drauf und lässt das Zeugs einmal quer um den Kontinent fliegen. Um Sojabohnen anzupflanzen, wird der Regenwald abgeholzt. Tolle Wurst.
Aber auch hier: Wer suchet, der findet. Es ist für mich mittlerweile relativ leicht, Tofu und Soja-Erzeugnisse einzukaufen, mit dem mein innerer Gutmensch gut leben kann. Da in Brasilien, Bolivien, Paraguay etc. hauptsächlich genmanipulierter Soja angebaut wird, gucke ich zuallererst nach Bio-Tofu. Bei der Herstellung von Bio-Tofu wird nämlich kein Gen-Soja verwendet, somit ist die Gefahr der Regenwaldrodung für meinen Magen schon mal deutlich dezimiert. Und es gibt einige Anbieter, die sich von der Soja-Bohne aus dem Dschungel distanzieren, die Firma Alpro-Soya z.B. bezieht die dolle Bohne von Vertragsbauern aus Frankreich und Kanada. Aber auch hier geht es noch näher – die Firma Joya baut in Österreich an und produziert auch dort, hach, wie jauchzt da mein Gutmenschherzchen. Und – es geht noch näher – die Firma Taifun bekam 2005 den Innovationspreis Bio-Lebensmittel-Verarbeitung für die Förderung von Soja-Anbau in Deutschland. Tofu und Soja aus Freiburg – ist das nicht prima? Und auch die Firma Tukan Tofu bezieht mittlerweile immerhin 50% ihrer Sojabohnen aus Deutschland und Frankreich. Auch wenn es blöd klingt – mich befriedigt diese Art der Ernährung enorm, ich habe einen Mords-Spass dabei.
Weitere Folgen: Abgesehen davon, das ich nicht nur meine Ernährung hinterfrage und in der letzten Zeit meiner Meinung nach kolossal verbessert habe, öffne ich mein Hirnstübchen entsprechend in allen Bereichen meines Lebens und finde eine Riesenfreude daran, sämtliches Tun und Treiben zu hinterfragen und mir mögliche Alternativen zu überlegen. Muss ich nun wirklich mit dem Auto in die Stadt fahren oder wäre es nicht schöner, die paar Schritte zu Fuß zu gehen? Warum schreibe ich nicht einfach eine Postkarte mit einem richtigen Stift und 'ner Briefmarke statt einer schnöden E-Mail? Ich könnte doch etwas lesen statt mir diese dämliche Sendung im Fernsehen anzuglotzen.
All' das sind kleine Nebenwirkungen meiner tierfreien Ernährung – mir scheint, wenn man einmal anfängt, Dinge zu hinterfragen, öffnen sich regelrecht die Gedankenmaschinen-Schleusen, ich fühle mich insgesamt einfach wacher und aufgeweckter. Und das kann nur gut sein, da muss ich mich selber gar nicht mehr überzeugen.
Vermutlich bin ich nicht gerade der Vorzeigetyp, was Mitgefühl und Empathie angeht. Die Tatsache, das zur Käseherstellung ein Enzym aus dem Magen wonniger Kälbchen (bei Interesse siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Lab) benötigt wird, lässt einen frischgeriebenen Parmesan oder würzigen Pecorino für mich nicht weniger köstlich schmecken. Das puschelig-gelbe Eintagsküken in Hühnerbrütereien gleich nach dem Schlüpfen mit Kohlenmonoxid vergast (bei Interesse siehe den Gesetzestext des Tierschutz-Schlachtgesetzes unter http://bundesrecht.juris.de/tierschlv/BJNR040500997.html) und u.a. als Futter an Zoos und Tierhandlungen verkauft werden, macht mein Spiegelei mit Schnittlauch nicht weniger knusprig. Mein Milchreis oder Fruchtjoghurt ist auch angesichts der Tatsache lecker, das eine Milchkuh in der Nutztierhaltung oft statt nach 20 Jahren bereits nach 5-6 Jahren den Löffel abgibt. Aber dennoch ist es eben die Summe all dieser Fakten und noch vieler, vieler mehr, die mir meine neue tierfreie Ernährung deutlich und nachhaltig sympathischer macht. Ich hätte tatsächlich im Vorfeld nicht erwartet, wie befriedigend es sein kann, auf Tiermampf zu verzichten – für mich fühlt es sich einfach netter und fairer an. Ich esse gerne lecker und nett. Ha. Vielleicht ist die ganze vegane Kiste für mich auch einfach nur ein selbstsüchtiger Egotrip mit dem einzigen Zwecke, meinem inneren Gutmenschen unablässig anerkennend auf die Schulter zu klopfen und ihm zu bestätigen, was er doch für 'ne coole Sau ist. Naja, sei's drum.
Zum Thema „Klimaschutz und Ernährung“ gibt es mittlerweile hunderte von Studien, die man überzeugend finden kann oder anzweifeln darf. (http://www.vegetarismus.ch/klimaschutz/index.htm). Viele Aspekte und Erkenntnisse der Forschung sollte man zumindest mal gehört haben und überdenken, aber immer auch kritisch beleuchten und Gegenmeinungen anhören. Ich habe einige Berichte und Studien gelesen und finde vieles davon interessant, manches überzeugend, manches nicht. Aber ich bin mir doch ziemlich sicher, das ich mich in meiner derzeitigen Lebensform auf jeden Fall „ökologisch verträglicher“ verhalte als vorher. Und das wiederum gibt mir ein saugutes Gefühl, ganz persönlich für mich alleine in mir drinnen.
Die Frage „Denkst Du, Du bist jetzt ein besserer Mensch?“ kann ich nur vehement und ohne zu zögern mit einem „JAWOLL, aber SOWATT VON!“ beantworten. Wobei dieses alberne Selbstbewußtsein keineswegs daher rührt, das ich tatsächlich denke, „besser“ als irgendeiner meiner Mitmenschen zu sein oder irgendwem da draußen moralisch überlegen bin – ich bin einfach nur besser als ich selber. Ich bin ein besserer Mensch als mein „Vor-einem-Monat-Ich“, weil sich diese Lebensweise einfach stimmig und zufriedenstellend für mich anfühlt. Natürlich ist tierfreies Mampfen kein Ablaß für alle Öko- und sozialen Sünden, da ist mir klar. Leben verdrängt immer Leben, für mein Leben und meine Existenz werden auch Tiere geschlachtet, Pflanzen abgeschnitten, Luft verschmutzt, ich verbrauche Ressourcen und Energie. Aber ich versuche, das Ganze für mich möglichst einzuschränken...aber hier muss ich wohl noch einiges lesen und lernen.
Was den Gesundheitsaspekt meiner tierfreien Ernährung angeht, dazu kann ich logischerweise nichts sagen. Es ist nicht so, das ich morgens voller Elan aus dem Bett springe, körperliche Höchstleistungen vollbringe, strahlend schön und kernig aussehe – und das alles nach knapp 3 Wochen. Aber – ich fühle mich besser. Einfach so. Und ich kann mir gut vorstellen, dabei zu bleiben...im Moment sehe ich für mich keinen Grund, wieder Fleisch oder Milch zu essen. Ohne iss' einfach muckeliger ;)
Ich habe einige Studien gelesen, die China- und die ADA-Studie z.B. finde ich für mich schlüssig.. Aber ich werde den Teufel tun, tierfreie Ernährung als einzig wahres Credo anzupreisen, dafür weiß ich selber noch viel zu wenig und habe kaum eigene Erfahrungen vorzuweisen.Wäre ja echt übel, wenn ich in einem halben Jahr mit schlimmsten Mangelerscheinungen zusammenbreche und 100 meiner Freunde und Bekannte mit hämischen „Ha!-ha! Datt haste jetzt davon!“ an meinem Krankenbett stehen.
Aber...das meine Haut täglich reiner und klarer aussieht...das finde ich gar nicht mal so schlecht ;)